Historische Hintergründe

Die Tochter des Zementbarons

Zwischen Krieg, Revolution und Liebe

Blaubeuren 1914, der Erste Weltkrieg steht kurz bevor. Anna Kran, Tochter eines Zementwerkbesitzers und überzeugte Nationalistin, möchte einen Beitrag für ihr Vaterland leisten und Lazarettschwester werden. Doch ihr Vater traut ihr diese Arbeit nicht zu. In ihrem Eifer, ihn von ihrer Tatkraft zu überzeugen, fügt sie anderen Menschen unbewusst Leid zu. Erst ein verletzter Fremder und eine tragische Nachricht ändern ihre Sicht auf die Dinge …

Achtung: Spoiler!

Wenn du Die Tochter des Zementbarons bereits gelesen hast, wünsche ich dir viel Spaß beim Lesen. Aber wenn du noch nicht soweit bist, dann höre hier auf zu lesen! Letzte Warnung: Verderbe dir nicht den Lesespaß und kehre erst zurück, wenn du das Buch bereits gelesen hast 🙂

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Der Beginn

In "Die Tochter des Zementbarons" spielt besonders der Beginn des ersten Weltkriegs eine große Rolle. Ich weiß noch, wie wir damals im Geschichtsunterricht den ersten Weltkrieg erst einmal komplett übersprungen haben und dann nur halbherzig nachgeholt haben. Der Versailler Vertrag blieb mir als einer der Auslöser des zweiten Weltkrieges im Gedächtnis, sonst nur viele Tote. Doch wie war der Krieg damals wirklich für die Menschen? Wie war die politische Gesamtsituation? Der unbekannte Krieg ist mir immer im Gedächtnis herumgespukt. Als junge Erwachsene ist mir "Nesthäkchen im Weltkrieg" in die Hände gefallen, was über viele Jahre unter Zensur stand. Ich war überrascht, wie sehr sich das kleine, freundliche Nesthäkchen auf den Krieg freute und geradezu mitfieberte. All das hat mich neugierig gemacht und so ist der Roman "Die Tochter des Zementbarons" entstanden.

Im Juni 1914 rechnete niemand mit einem Krieg

Als der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie in Serbien ermordet wurden, war das zunächst in den deutschen Zeitungen höchstens eine mittelgroße Meldung wert. Man sehnte sich nach Badewetter, ging seinem täglichen Leben nach und dachte gar nicht daran, dass ein Krieg bevorstehen könnte. Die Röcke waren so eng, dass sie nur kleine Tippelschritte zuließen, große Hüte waren in Mode, die Technik für das Radio waren zwar schon erfunden, aber es gab noch keine Rundfunksender. Die Elektrizität erhielt in mehr und mehr Städten Einzug und Blaubeuren wurde in diesem Jahr ans Netz angeschlossen.

Die Juli-Krise

Doch im Juli spitzte sich die politische Situation zu. Man könnte fast sagen, halb Europa war heiß darauf, einen Krieg zu führen. Schon lange hatten die Staatsmänner diplomatische Seiltänze aufgeführt, um den Frieden zu erhalten. Die Konflikte brodelten, der deutsche Kaiser brannte darauf, seine Flotte gegen England in See zu schicken, die Französisch-Deutschen Beziehungen dümpelten in frostigen Minusgraden und ein komplexes Bündnis-Geflecht würde einen kleinen Krieg zwischen zwei Staaten schnell zu einem europäischen Krieg werden lassen. Die Ermordung des österreichischen Thronfolgers war also höchst brisant.

Der Blankoscheck und das Ultimatum

Da Russland sich als Schutzpatron Serbiens sah, konnte Österreich nicht einfach so Serbien den Krieg erklären. Doch Deutschland sagte dem Bündnispartner seine Unterstützung zu, was man heute gerne als "Blankoscheck" bezeichnet. Die Österreicher stellten den Serben ein Ultimatum, in dem sie unter anderem verlangten, dass Österreicher Ermittlungen auf serbischem Boden durchführen durften. Auch der deutsche Kaiser betrachtete die Bedingung als zu hart, doch diese Nachricht wurde nicht nach Österreich weitergegeben. Die Serben lehnten das Ultimatum ab und Österreich marschierte in Serbien ein - worauf Russland Österreich den Krieg erklärte, Deutschland Russland, dann vorsichtshalber auch Frankreich, weil die Franzosen mit Russland verbündet waren. Um einen taktischen Plan namens "Schliefenplan" durchführen zu können, musste man durch das neutrale Belgien marschieren (was dieses nicht ohne Krieg mit sich machen ließen), woraufhin England auf den Plan trat und Deutschland den Krieg erklärte. Und so war innerhalb weniger Tage halb Europa im Krieg. Es folgten später noch unter anderem Japan, Italien, USA, Rumänien und Bulgarien. Mit den Kolonien war insgesamt zwei Drittel der Weltbevölkerung vom Krieg betroffen

Die Stimmung der Massen

Teilweise wurde dem Krieg mit Hurra-Rufen, aufgeregtem Hüteschwenken und freudig-nationalistischen Parolen entgegengesehen. Die Eisenbahnwaggons der ausziehenden Truppen wurden mit Kreidebotschaften verziert, ihre Gewehre und Uniformen mit Blumen garniert. Der Krieg wurde als entladendes Gewitter gesehen, was nötig war, um die Spannungen in Europa endgültig zu klären. Viele 17-Jährige Schüler meldeten sich freiwillig - die Älteren waren meist sowieso schon in der ein oder anderen Form verpflichtet - und standen Schlange, um eine Uniform abzubekommen. Aber es gab auch kritische Stimmen. Insbesondere die internationale Arbeiterbewegung, die eine Verbrüderung zwischen den Arbeitern aller Staaten anstrebte, lehnte den Krieg ab. Auch andere werden ihn gefürchtet haben. Aber die SPD stimmte damals den Kriegskrediten zu, die nötig waren, um die Gewehre, Geschütze und Kriegsschiffe zu finanzieren. Ein Teil der SPD, die sich 1917 als USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei) von der Hauptpartei abspalten sollte, stimmte jedoch nur zähneknirschend zu oder verließ die Abstimmung sogar. Die SPD verkündete den Burgfrieden - solange der Krieg das Land bedrohte, wollte man interne Konflikte aufschieben. Keine Streiks, keine Demonstrationen, keine Verhandlungen um soziale Gerechtigkeit.

Anna und Johann

Die Klassenunterschiede waren damals enorm. Eine gehobene Mittelschicht aus Großindustriellen und Kapitalbesitzern genoss ein bequemes Leben mit Bildung und Hausangestellten, während einfache Arbeiter 12-Stunden-Schichten arbeiten mussten, ohne jemals eine Aussicht auf Aufstieg zu haben. Mit Anna und Johann habe ich zwei Charaktere entgegengestellt, die allein von ihrer Prägung her nicht unterschiedlicher sein könnten. Die Tochter eines Großindustriellen gegenüber dem Zementarbeiter.

Das Zementwerk

Die rauchenden Schlote streckten sich früher wirklich im Industriegebiet Blaubeurens in die Luft - allerdings hießen sie Spohn'sches Zementwerk. Auch wenn hier 1914 noch kein Acht-Stunden-Tag eingeführt war, soll Herr Spohn sehr menschlich mit seinen Arbeitern umgegangen sein und ihnen eigenen Wohnraum gebaut haben. Doch die Arbeit im Zementwerk war durchaus so hart, wie sie im Buch beschrieben sind - hier habe ich mich ziemlich lange durch das Internet gewühlt, bis ich einmal verstanden habe, wie die Zementproduktion damals in Blaubeuren funktioniert hat. 1914 wurde noch mit den arbeitsintensiven Ringöfen gearbeitet, bevor man später modernisierte. Kurz nach seinem 125 jährigen Bestehen wurde das unrentabel gewordene Werk 1998/99 abgebrochen. Im Nachbarort Schelklingen wird allerdings heute noch Zement produziert.

Die Villa Kran

Die Kran'sche Villa ist dem Heim von Georg Spohn nachempfunden. Es ist höher am Berg gelegen und bot 1914 eine gute Aussicht über die Zementwerke und die Arbeitersiedlungen. Auch heute noch kann man das 1907 erbaute Gebäude in Blaubeuren bewundern, auch wenn es nicht mehr so frei steht wie damals und auch keinen so ausladenden Garten mehr hat. Während ich am Roman geschrieben habe, stand das Gebäude mit 13 Zimmern zum Verkauf. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie gerne ich in dem Moment reich gewesen wäre. Georg Spohn stiftete größere Summen aus seinem Privatvermögen an die Städte Ravensburg und Blaubeuren und finanzierte damit den Bau öffentlicher Einrichtungen. Sein Schwiegersohn, Ludwig Merckle, gründete ein pharmazeutisches Unternehmen, dessen Sohn Adolf Merckle die Firma Ratiopharm.

Die Argonnen

Alles, was Gerhard und Johann in den Argonnen erleben, basiert auf den Aufzeichnungen des 124. Infanterie-Regiments. Einige persönliche Erlebnisse habe ich anhand von Zeitungsartikeln und Frontberichten hinzugefügt. Auch Verhandlungen mit weißer Fahne soll es gegeben haben, wobei ich nicht herausfinden konnte, was genau mit diesen Verhandlungen bezweckt worden war. Im August 1914 preschten die deutschen Regimenter noch vor, doch nach und nach kam die Front immer mehr zum Erliegen, bis sie sich schließlich nur noch um wenige Meter bewegte. Hunderttausende Menschenleben wurden teilweise für wenige Meter Landgewinn geopfert. 2021 habe ich mit meiner Familie einige Kriegsschauplätze in Frankreich besucht, darunter die Argonnen (auch die kleine Kirche in Lançon), Verdun und einen zerbombten Hügel in Vauquois. Die Ausmaße der Zerstörung und Grausamkeit sind uns dort immer wieder bewusst geworden. Soldatenfriedhöfe überall, im Beinhaus von Douaumont liegen alleine die Gebeine von 130.000 nicht mehr identifizierbaren Soldaten, die man auf den Schlachtfeldern gefunden hat.

Gerhard

Das Schicksal von Annas Bruder ist inspiriert von Ernst Alexander Leipart, der als sich siebzehnjähriger freiwillig meldete und nach mehrwöchiger Grundausbildung und einmonatigem Frontdienst im Dezember 1914 von dem Luftdruck eines Artilleriegeschosses in Ypern (Belgien) getötet wurde. Sein Vater hat eine kleine Chronik über das Leben seines Sohnes verfasst, in der die Briefe und die Todesmeldung abgedruckt hat. Auf dem Bild (rechts) sieht man eindrücklich, wie jung Ernst war. Kaum im Teeangeralter und schon mit geladener Waffe im Schützengraben. Ganze Schulklassen haben sich damals freiwillig gemeldet und gerade von den jungen Rekruten sind unzählige nie zurückgekehrt. Der Franzose Gaston Biron beschreibt sein Überleben nach einem Einsatz in Verdun so:

Santoppen

Hans Wilhelms Erlebnisse in Ostpreußen basieren auf Vorkommnissen in Santoppen, die damals als deutsche Propaganda der russischen Grausamkeiten verbreitet wurden. Man kann aber gut davon ausgehen, dass auf jeder Seite ähnliche Kriegsverbrechen begangen wurden. Radfahrende Patrouillen wurden damals gefürchtet, da sie schnell unterwegs waren, dabei aber kaum Lärm verursachten.

Der Lazarettzug

Schwerverletzte und Leichtverwundete wurden direkt vor Ort in Feldlazaretten behandelt, bis sie entweder wieder kampftüchtig waren oder stabil genug, um ins Heimatland transportiert zu werden. Hier wurden sie über verschiedene Lazarette verteilt, wobei es durchaus zu logistischen Schwierigkeiten kam. Während das Ulmer Lazarett teilweise überfüllt war, stand das Blaubeurer Lazarett zeitweise leer. Die Verletzten wurden in Lazarettzügen transportiert, wie sie auf dem Bild rechts zu sehen sind. Der Zugverkehr war im Krieg allgemein durch Nahrungsmittel-, Munitions-, Feldpost- und Verletztentransporte ausgelastet. Zu Beginn transportierte man noch die Gefallenen ins Heimatland, um sie in "deutscher Erde" zu begraben, dies wurde aber bald aufgegeben, da die Schienenkapazitäten nicht gegeben waren. Deswegen findet man in Frankreich noch heute viele deutsche Soldatenfriedhöfe.

Das Lazarett

Blaubeuren legte sich ins Zeug und modelte das damals noch neue Schulgebäude in ein Lazarett um, zudem gab es Betten im Krankenhaus. Die Pflege wurde größtenteils durch freiwillige Helfer abgedeckt, die vorher einen Kurs beim Roten Kreuz belegten. Auf dem Bild sieht man Lazarettinsassen, die bei der Kartoffelernte helfen mussten. Im Hintergrund thront das Blaubeurer Rusenschloss.

Johann Heeg

Die Geschichte von Johann Heeg ist inspiriert von einem Grabstein auf dem Blaubeurer Friedhof. In der Zeitung habe ich einen Bericht über die Beerdigung des Soldaten gefunden, sonst habe ich nicht viel über ihn herausfinden können. Doch der Gedanke, einem grauen Grabstein eine Geschichte zu geben, hat mich nicht losgelassen. So habe ich mir die Freiheit genommen, Johann Heeg einen Charakter, Kinder und Briefe anzudichten.

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